BfR aktualisiert Höchstmengenempfehlungen für Vitamine und Mineralstoffe
Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat seine Höchstmengenvorschläge für Nahrungsergänzungsmittel überarbeitet. Basis sind neue EFSA-Daten zu Vitamin D, B6, Selen und Folat.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat seine Empfehlungen für Höchstmengen von Vitaminen und Mineralstoffen in Nahrungsergänzungsmitteln und angereicherten Lebensmitteln aktualisiert. Die Überarbeitung basiert auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und berücksichtigt aktuelle Verzehrsdaten der deutschen Bevölkerung.
Warum sind Höchstmengen wichtig?
Etwa ein Drittel der deutschen Erwachsenen nutzt regelmäßig Nahrungsergänzungsmittel (NEM), oft mit hohem Nährstoffgehalt. Während bei ausgewogener Ernährung NEM für die meisten Menschen überflüssig sind, können übermäßige Zufuhren bestimmter Mikronährstoffe gesundheitliche Risiken bergen.
"Viel hilft viel – das ist bei Mikronährstoffen ein Trugschluss. Die Dosis entscheidet, ob sie nützt oder schadet." *Prof. Dr. Dr. Andreas Hensel, BfR-Präsident*
Methodik der Höchstmengenbestimmung
Das BfR verwendet einen wissenschaftlich fundierten Ansatz zur Festlegung sicherer Höchstmengen:
1. Basisparameter
- **Tolerable Upper Intake Levels (UL)**: Von der EFSA abgeleitete Maximalmengen, die langfristig ohne gesundheitliche Risiken aufgenommen werden können
- **Dietary Reference Values (DRV)**: Durchschnittliche Zufuhren aus der regulären Ernährung der Bevölkerung
2. Bezugsgruppen
- **Für Nahrungsergänzungsmittel**: Altersgruppe 15-17 Jahre als Referenz, um Risiken für Jugendliche abzusichern
- **Für angereicherte Lebensmittel**: Berücksichtigung jüngerer Kinder, da diese häufiger angereicherte Produkte konsumieren
3. Sicherheitsfaktor
Ein Unsicherheitsfaktor von 2 wird für nahezu alle Nährstoffe eingesetzt, um Risiken durch den Verzehr mehrerer angereicherter Produkte gleichzeitig abzufedern.
Wichtige Änderungen bei einzelnen Nährstoffen
Vitamin D
Die EFSA hat ihre Bewertung zu Vitamin D aktualisiert. Das BfR berücksichtigt nun: - Neue Erkenntnisse zur Calciumhomöostase - Risiken bei Kombination mit Vitamin K2 - Unterschiedliche Bedarfe nach Altersgruppen und Sonnenexposition
Vitamin B6
Für Vitamin B6 wurde der UL von 30 mg/Tag auf 12,5 mg/Tag für Erwachsene gesenkt (Mai 2023), basierend auf Assoziationen mit peripherer Neuropathie bei höheren Dosen.
Selen
Der neue UL für Selen liegt bei 255 Mikrogramm pro Tag für Erwachsene (Januar 2023), was eine Anpassung der Höchstmengenempfehlungen nach sich zieht.
Folat
Die bestehenden ULs für Folat bleiben unverändert (z.B. 1000 Mikrogramm pro Tag für Erwachsene), mit einem neuen UL von 200 Mikrogramm pro Tag für Säuglinge im Alter von 4-11 Monaten (November 2023).
Eisen
Für Eisen wurde ein "sicherer Zufuhrwert" von 40 mg/Tag für Erwachsene festgelegt (Juni 2024), da unzureichende Daten für einen formellen UL vorliegen.
Nährstoffe ohne festgelegte ULs
Für einige Nährstoffe konnte die EFSA aufgrund unzureichender Daten keinen UL ableiten:
- Biotin
- Beta-Carotin (mit Einschränkungen für Raucher)
- Pantothensäure
- Vitamin B1, B2, C, K
- DHA, EPA, DPA
- Zucker (Empfehlung: so niedrig wie möglich)
Praktische Bedeutung für Verbraucher
Wer braucht wirklich Nahrungsergänzungsmittel?
Nur bei wenigen Nährstoffen weisen Teile der deutschen Bevölkerung Zufuhrlücken auf:
1. Vitamin D: Besonders bei eingeschränkter Sonnenexposition 2. Calcium: Vor allem bei älteren Menschen 3. Folsäure: Für Frauen mit Kinderwunsch und Schwangere 4. Jod: Bei unzureichender Verwendung von jodiertem Speisesalz
Bei ausgewogener Ernährung sind Nahrungsergänzungsmittel für die meisten Menschen überflüssig.
Risiken der Überversorgung
Übermäßige Zufuhren können schädlich sein:
- **Mangan**: Neurotoxisch in hohen Dosen
- **Vitamin D**: Kann Hyperkalzämie verursachen
- **Folsäure**: Übermäßige Zufuhr kann Vitamin-B12-Mangel maskieren
- **Vitamin A**: Leberschäden bei chronischer Überdosierung
Regulatorischer Kontext
Fehlende EU-weite Regelung
Derzeit existieren keine verbindlichen EU-weiten oder nationalen Höchstmengen für Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland. Die BfR-Vorschläge dienen der wissenschaftlichen Diskussion und als Grundlage für mögliche zukünftige Regelungen auf europäischer Ebene.
Harmonisierungsbestrebungen
Die Europäische Kommission arbeitet seit über zwei Jahren an der Harmonisierung der Höchstmengen für Vitamine und Mineralstoffe in Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln. Dies ist ein komplexer Prozess aufgrund:
- Unterschiedlicher nationaler Ansätze
- Potenzieller wirtschaftlicher Konsequenzen für Hersteller
- Divergierender Verzehrsgewohnheiten in EU-Mitgliedstaaten
Empfehlungen für Hersteller
Produktentwicklung
Hersteller sollten bei der Formulierung von Nahrungsergänzungsmitteln:
1. Die BfR-Höchstmengenempfehlungen als Orientierung nutzen 2. Zielgruppen klar definieren (Erwachsene vs. Kinder) 3. Wechselwirkungen zwischen Nährstoffen berücksichtigen 4. Multiproduktverzehr in Betracht ziehen
Kennzeichnung
Pflichtangaben sollten umfassen:
- Empfohlene Tagesdosis
- Warnung vor Überschreitung der Tagesdosis
- Hinweis, dass NEM keine abwechslungsreiche Ernährung ersetzen
- Aufbewahrungshinweise (außer Reichweite von Kindern)
- Spezifische Warnhinweise für bestimmte Zielgruppen
Internationale Perspektive
Vergleich mit anderen Ländern
Die Ansätze zur Festlegung von Höchstmengen variieren international:
- **USA**: Keine gesetzlichen Höchstmengen, aber ULs des Institute of Medicine als Referenz
- **Schweiz**: Eigene Höchstmengenverordnung, aktualisiert 2020
- **UK**: Folgt weitgehend EU-Ansatz, entwickelt post-Brexit eigene Richtlinien
EFSA als wissenschaftliche Basis
Die EFSA-Bewertungen dienen als wissenschaftliche Grundlage für:
- BfR-Empfehlungen in Deutschland
- Nationale Regelungen in EU-Mitgliedstaaten
- Internationale Referenzwerte
Ausblick
Erwartete Entwicklungen
In den kommenden Jahren ist zu erwarten:
1. EU-Harmonisierung: Mögliche Einführung EU-weiter Höchstmengen 2. Neue EFSA-Bewertungen: Laufende Aktualisierungen für weitere Nährstoffe 3. Botanicals: Verstärkte Bewertung pflanzlicher Inhaltsstoffe 4. Kombinationspräparate: Spezifische Regelungen für Multipräparate
Rolle der Wissenschaft
Die BfR-Empfehlungen werden kontinuierlich an neue wissenschaftliche Erkenntnisse angepasst:
- Berücksichtigung neuer Studien zu Langzeiteffekten
- Aktualisierung von Verzehrsdaten
- Bewertung neuer Nährstoffquellen
- Anpassung an veränderte Ernährungsgewohnheiten
Fazit
Die aktualisierten BfR-Höchstmengenempfehlungen bieten eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für die sichere Verwendung von Vitaminen und Mineralstoffen in Nahrungsergänzungsmitteln und angereicherten Lebensmitteln. Sie berücksichtigen:
- Aktuelle EFSA-Bewertungen
- Deutsche Verzehrsdaten
- Besondere Risikogruppen (Kinder, Jugendliche)
- Multiproduktverzehr
Kernbotschaften:
1. Bei ausgewogener Ernährung sind NEM für die meisten Menschen unnötig 2. Nur wenige Nährstoffe (Vitamin D, Calcium, Folsäure, Jod) weisen Zufuhrlücken auf 3. Übermäßige Zufuhren können gesundheitsschädlich sein 4. Die Dosis macht das Gift – auch bei Mikronährstoffen
Für Verbraucher gilt: Eine abwechslungsreiche, ausgewogene Ernährung ist der beste Weg zur optimalen Nährstoffversorgung. Nahrungsergänzungsmittel sollten nur gezielt bei nachgewiesenem Bedarf eingesetzt werden, idealerweise nach Rücksprache mit medizinischem Fachpersonal.
Weiterführende Informationen: - [BfR-Themenseite Vitamine & Mineralstoffe](https://www.bfr.bund.de/de/bewertung_von_vitaminen_und_mineralstoffen_in_lebensmitteln-54416.html) - [Aktualisierte Höchstmengenvorschläge (PDF)](https://www.bfr.bund.de/cm/343/aktualisierte-hoechstmengenvorschlaege-fuer-vitamine-und-mineralstoffe-in-nahrungsergaenzungsmitteln-und-angereicherten-lebensmitteln.pdf)
*Hinweis: Diese Zusammenfassung dient Informationszwecken. Die dargestellten Studienergebnisse sind keine zugelassenen Health Claims. Für detaillierte Informationen konsultieren Sie bitte die Originalquelle.
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